Ehrengast: Stefan Ruzowitzky
Seit 2016 verleiht das Festival jährlich mit Unterstützung des Verkehrsamtes der Stadt Bozen einen Ehrenpreis für eine herausragende Filmkarriere. Dieses Jahr fällt die Wahl auf den österreichischen Filmemacher Stefan Ruzowitzky.
Jahrgang 1961, studierte er in seiner Heimatstadt Wien zunächst Theaterwissenschaft sowie Geschichte. Zunächst war Ruzowitzky als Theaterregisseur und Autor von Hörspielen tätig. Es folgten Arbeiten fürs Fernsehen, Werbespots und Musikvideos.
Sein rasantes Kinodebüt TEMPO (1996) wurde beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken mit dem Förderpreis der Jury ausgezeichnet und wies den österreichischen Filmemacher als Vertreter eines international orientierten, populären Kinos aus. Diesen Ansatz entwickelte Stefan Ruzowitzky mit dem prämierten Alpen-Western DIE SIEBTELBAUERN (1998) und ANATOMIE (2000) weiter.
Nach diesen erfolgreichen Genre-Arbeiten feierte das KZ-Drama DIE FÄLSCHER auf der
Berlinale 2007 Premiere, 2008 wurde DIE FÄLSCHER mit dem Oscar® als bester fremdsprachiger Film gewürdigt, mit dem niederösterreichischen Schauspieler Karl Markovics in der Hauptrolle.
Ruzowitzkys Spektrum ist weit gefasst, es sei „sozusagen mein Programm. Es hat mich immer schon interessiert, verschiedene Dinge auszuprobieren, und so ist es geblieben“, sagt er in einem Interview mit dem ORF. Ob Kinderbuchverfilmungen (HEXE LILLI – DER DRACHE UND DAS MAGISCHE BUCH), Thriller (COLD BLOOD – KEIN AUSWEG. KEINE GNADE), Dokumentarfilm (DAS RADIKAL BÖSE) oder die Literaturverfilmung (NARZISS UND GOLDMUND) – Stefan Ruzowitzky ist jemand, der gerne die Komfortzone verlässt.
Am Bolzano Film Festival Bozen werden DIE SIEBTELBAUERN, DIE FÄLSCHER und HINTERLAND gezeigt, sein jüngster historischer Thriller aus dem Jahr 2021.
Wir freuen uns auf Filmgespräche mit dem Regisseur und Drehbuchautor Stefan Ruzowitzky, der sich immer wieder neuen Herausforderungen stellt und dem „nicht fad wird“.
Werkschau: Gerti Drassl
Dieses Jahr ist „Die Werkschau“ am Filmfestival der Schauspielerin Gerti Drassl gewidmet, die im Kino wie im Fernsehen zu sehen ist und auf vielen verschiedenen Theaterbühnen performt. „Ich durfte schon einige Male dabei sein und mag dieses Festival sehr“, sagt Gerti Drassl, „weil es auf sehr persönlicher Ebene das Filmschaffen von Filmemacherinnen und Filmemachern präsentiert. Sehr freue ich mich über die Filme, die ich vorstellen darf.“
Gerti Drassl kommt 1978 in Bozen zur Welt, wächst in Eppan auf, übersiedelt nach der Matura nach Wien, absolviert das Max-Reinhardt-Seminar und wird von Karl Heinz Hackl ans Theater in der Josefstadt engagiert. Nebenher und zwischendurch leistet sie sich Ausflüge an andere Bühnen und arbeitet für den Film. Sie dreht mit Sabine Derflinger, Adrian Goiginger, Andreas Prochaska, Michael Sturminger, Michael Kreihsl, Markus Schleinzer und Elisabeth Scharang, sie spielt in Stücken von Tschechow, Shakespeare, Turrini, Tennessee Williams und Ödön von Horvath.
Zusammen mit Gerti Drassl wurden drei Filme für die Werkschau ausgewählt:
Vals von Anita Lackenberger (2014, mit dabei der Vater Peter Drassl) wirft einen realistischen Blick auf die Nachkriegszeit in einem Tiroler Bergdorf.
Angelo (2018) ist ein Historiendrama von Markus Schleinzer, in dem ein Junge zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit Gewalt aus seiner Heimat mitten in Afrika nach Europa geholt wird und von einer Comtesse als „Paradiesvogel“ für ihren goldenen Käfig ausgesucht wird. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit, Gerti Drassl spielt die Kammerzofe und steht mit Alba Rohrwacher am Set.
Märzengrund (2021) von Adrian Goiginger, Drehbuch Adrian Goiginger und Felix Mitterer, ist die wahre und berührende Geschichte des jungen Elias, der sich Ende der 1960er Jahre gegen die Maxime einer profitorientierten Gesellschaft wendet und für ein radikales Leben im Einklang mit der Natur entscheidet. Gerti Drassl spielt die Mutter von Elias. Der Film läuft im Wettbewerb um den besten Spielfilm.
Auch dieses Jahr finden im Rahmen des BFFB die Nouvelle Waag Talks im Waag Café statt. Ulrike Spitaler im Gespräch mit Gerti Drassl: am 7. April, um 18.00. Das Publikumsgespräch wird auch online übertragen.
Cinema Ritrovato
Ein Blick zurück: 70mm und 35mm
Seit ca. 2010 wird die Technik bei Kinofilmen weitgehend durch digitale Produktionsmethoden verdrängt. Bis 2012 wurden auch im Filmclub die Filme in der Regel noch im Format 35mm vorgeführt. Mit zwei Projektoren und Überblendung nach der ersten Rolle. In den Dorfkinos mit nur einem Projektor musste für den Rollenwechsel eine Pause gemacht werden. 70mm Projektion gab es fast nur in den Großstädten. Da war das Ariston Kino in Meran eine absolute Ausnahme. Die große Zeit der 70mm Filme war zwischen Mitte der 50er Jahre und bis Ende der 70er Jahre. Berühmte Filme dieser Zeit BEN HUR (1959), LAWRENCE VON ARABIEN (1962), MY FAIR LADY (1965), ODYSSEE IM WELTRAUM (1968) usw. Heute produziert z.B. Quentin Tarantino seine Filme wieder auf 70mm, wegen der hervorragenden Qualität.
Martin Kaufmann
Focus Europe: Kosovo / Albania
Seit 2016 rückt das Festival in der Reihe „Focus Europe“ das filmische Schaffen eines europäischen Landes in den Mittelpunkt. Zur 35. Ausgabe vom 5. – 10. April werden es zwei Länder sein: Kosovo und Albanien. Beide Balkanländer, in denen mehrheitlich albanisch gesprochen wird, haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Eine neue Generation an Filmschaffenden versucht sich in Aufarbeitung, die Filme spiegeln Auswanderung, Kriegstraumata und patriarchale Gesellschaftsstrukturen wider.
Der Co-Autor des kosovarischen Kurzfilms KLITHMA und Dekan der Fakultät für Kunst der Universität Pristina, Hazir Haziri, meint dazu: „Die neue Generation der Filmemacherinnen und Filmemacher kann als goldene Generation bezeichnet werden. Trotz des geringen Budgets für kosovarische Filme gelingt es uns, echte Kunstwerke zu schaffen und sie überall auf den renommiertesten Festivals zu zeigen. Unsere Filme behandeln heikle Themen. Der Krieg in Kosovo von 1999 hat Wunden in der Gesellschaft hinterlassen, die noch nicht geheilt sind“. Hazir Haziri ist Gast am Filmfestival im April und wird die Filmreihe aus dem Kosovo und Albanien begleiten. „Focus Europe“ will ein verbindendes Element sein und die Gelegenheit zum Austausch mit der kosovarischen und albanischen Gemeinschaft in Südtirol bieten.
Vier Langspielfilme und vier Kurzfilme werden in der Filmreihe „Focus Europe: Kosovo/ Albania“ gezeigt. Viele der Filme sind an eigene Erfahrungen der Regisseurinnen und Regisseure angelehnt oder beruhen auf wahren Begebenheiten.
Das Spielfilmdebüt ZGJOI (HIVE) von Blerta Basholli, 3-fach prämierter Film am Sundance Festival 2021 und Kosovos Einreichung für den Oscar für den besten ausländischen Film, erzählt die Geschichte von Fahrijes, deren Ehemann nach dem Krieg 1999 vermisst wird. Als sie mit anderen Frauen versucht eine eigene Existenz aufzubauen, stößt sie gegen die patriarchalen Strukturen der Dorfgemeinschaft.
In DERë E HAPUR (OPEN DOOR), einem albanischen Filmdrama aus dem Jahr 2019 von Florenc Papas, sind es ebenfalls patriarchale Gesellschaftsstrukturen, gegen die die beiden Protagonistinnen anzukämpfen haben. Das Roadmovie zwischen Italien und Albanien erzählt von Emigration, einer ungeplanten Schwangerschaft und dem Bruch zwischen Tradition und Moderne. Bei BABAI (FATHER), dem eindringlichen Filmdebüt von Visar Morina aus dem Jahr 2015, dreht sich alles um eine Fluchtgeschichte aus dem Kosovo nach Deutschland. Ein Vater, der der tristen und lieblosen Großfamilie im Kosovo entfliehen will und Nori, seinen 10-jährigen Sohn, allein zurücklässt. Nori, der sich dann alleine auf eine gefährliche Reise nach Deutschland begibt, voller Wut und Unverständnis seinem Vater gegenüber.
Passend dazu hat das Filmfestival Bozen eine Produktion der Filmschule Zelig aus dem Jahr 2019 ausgewählt: In NEVERLAND dokumentiert der Zeligabsolvent Erald Dika die Geschichten einer Gruppe von Freunden rund um die turbulenten Jahre 1997 in Albanien. Neue dokumentarische und Archiv-Aufnahmen werden mit inszenierten Szenen verwoben und zeichnen ein Bild dieser Generation.
Vier aktuelle Kurzfilme ergänzen das Programm und geben Einblick in die heutige Gesellschaft Kosovos: TISA von Valter Lucaj, KOLONA von Ujkan Hysaj, KASETA von Ariel Shaban und KLITHMA von Korab Lecaj.
Die Stadt Bozen übernimmt auch dieses Jahr die Schirmherrschaft über das Festival und unterstützt die Filmreihe Focus Europe: Kosovo / Albanien.
Local artists
Kleinsprachen DOC
Wie kann eine Minderheitensprache innerhalb einer kleinen Gemeinschaft überleben? Wie sind Minderheitensprachen und -dialekte mit alten Traditionen verbunden, die entweder geschützt und gefördert werden oder durch die Geschwindigkeit und den Lebensstil der heutigen Zeit bedroht sind?
Diesen (und vielen anderen) Fragen widmet sich die Sektion „Kleinsprachen DOC“, die in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Bozen und dem Masterstudiengang Angewandte Linguistik organisiert wird, und die auch dieses Jahr eine Reise durch nahe und ferne Gebiete anbietet. Dabei wird der Blick auf die Erfahrungen indigener Gemeinschaften und Sprachen in einer postkolonialen Gegenwart (die Mapuche in Chile, die Bubi in Guinea) geworfen, sowie auf Minderheitensprachen, die tief im Territorium verwurzelt sind – Ladinisch in Südtirol – oder aber völlig an den Rand gedrängt werden, wie das Romani in Italien; schließlich wird auch gezeigt, wie selbst jene Sprachen, die als “Dialekte” oder “Geheimsprachen” gelten, starke Identitätsträger für die Gruppen sein können, die sie verwenden.
Das Programm:
- Tübachi Monguen Mu (Into this Life) von Antonio Caro Berezin
- Anunciaron Tormenta (A storm was coming) von Javier Fernández Vázques
- L. (on the beach) von Maria Luisa Usai, Marcella Valentina Mancini
- Silabario von Marine de Contes
- IN FANES – andata e ritorno / hin und zurück von Paolo Vinati
- La Distanza von ENECE film
Die Filmreihe wird kuratiert von: Silvia Dal Negro (UniBz), Daniele Ietri (UniBz), Daniela Veronesi (Unibz) und Eleonora Mastropietro (Università di Milano).
RumoriMusik im Kino
Wir freuen uns auf eine weitere spannende Zusammenarbeit mit dem Konservatorium Claudio Monteverdi Bozen und der Schule für Dokumentarfilm ZeLIG.
Die StudentInnen des Trienniums für elektronische Musik und des Bienniums für Didaktik des Bozner Konservatoriums Claudio Monteverdi werden im Rahmen des BolzanoFilmFestivalBozen eine open lecture abhalten. Ein Filmausschnitt aus dem mehrfach ausgezeichneten und von der Filmschule ZeLIG produzierten Film “NEVERLAND” von Erald Dika und Simone Endrizzi wird ein komplett neues [re]sounding im 5.1-Format erhalten, welches in Anwesenheit des Publikum entstehen wird.
Der Film gehört zum Themenschwerpunkt “Focus Europe: Kosovo/Albania” im offiziellen Programm des Bolzano Film Festival Bozen.
Mit Unterstützung von
Made in Südtirol
IDM-SÜDTIROL ALTO ADIGE mitfinanziert, in Teilen in Südtirol gedreht wurden und viele lokale Filmschaffende eingebunden haben.
Der Südtiroler Filmemacher Ronny Trocker legt im Film Der menschliche Faktor verwirrende Fährten und spielt mit der Wahrnehmung des Publikums. Ein scheinbar harmonisches Familienleben gerät durch einen mysteriösen Einbruch aus dem Gleichgewicht. Der Film läuft auch im Wettbewerb „Bester Spielfilm“.
Aus Österreich kommt Eva-Maria von Lukas Ladner, ein Porträt einer jungen Frau, die sich sehnlichst wünscht, Mutter zu werden, obwohl sie wegen ihrer zerebralen Lähmung im Rollstuhl sitzt. Eva-Maria läuft im Wettbewerb „Bester Dokumentarfilm“.
In Lovely Boy von Francesco Lettieri zieht sich ein junger Star der römischen Trap-Musikszene in die Einsamkeit der Dolomiten zurück, um wieder zu sich zu finden.
In Luzifer beeindruckt der junge österreichische Filmemacher Peter Brunner mit archaischen Bildern und viel Symbolik rund um Rituale und Gebete, inspiriert von einer wahren Begebenheit der Teufelsaustreibung.
Im Dokumentarfilm The Red House von Francesco Catarinolo kommen wir dem oft schwierigen Alltag in Ostgrönland rund um den Südtiroler Robert Peroni und seinem Lebensprojekt, dem Red House, sehr nahe. Das Hotel ist Begegnungsstätte zwischen Inuit und Touristen.
Schließlich läuft auch der Kinderfilm Hilfe, ich habe meine Freunde geschrumpft von Granz Henman am BFFB. Der IDM geförderte Film ist der dritte und letzte Teil der Hilfe-Trilogie.
Die Südtiroler Filmemacherin Stefanie Aichner ist mit BinIchDenn?, dem ersten IDM geförderten Kurzfilm, am Festival vertreten. Ein experimenteller Film, nach dem Drehbuch von Dietmar Gamper und dem Schauspielkollektiv binnen-I, der existentielle Fragen aufwirft.
Golden Walther Award
Das Bestreben von Bolzano Film Festival Bozen ist es auch die lokale Filmszene zu beobachten und zu begleiten. Dazu wurde 2019 eine neue Auszeichnung ins Leben gerufen, der „Golden Walther Award“, der mit Einbeziehung des Publikums an eine Filmproduktion mit Südtirol-Bezug vergeben wird.
Der „Golden Walther Award“ wird in Zusammenarbeit mit der WaltherPark AG (SIGNA) vergeben. Für den Preis nominiert sind 6 Filme aus der Reihe „Made in Südtirol“. Der Preis besteht aus einer Trophäe und einem Geldbetrag, der von der WaltherPark AG zur Verfügung gestellt wird.
Der menschliche Faktor von Ronny Trocker
Eva-Maria von Lukas Ladner
Lovely Boy von Francesco Lettieri
Luzifer von Peter Brunner
The Red House von Francesco Catarinolo
Hilfe, ich habe meine Freunde geschrumpft von Granz Henman
Dolomiten UNESCO Weltnaturerbe
Bereits zum dritten Mal wird der “Spezialpreis Dolomiten UNESCO“ vergeben, und zwar an den Regisseur oder die Regisseurin des Besten Films, der den Werten des Weltnaturerbes UNESCO entspricht: einzigartige Geologie, Landschaft, nachhaltige Entwicklung, nachhaltiger Tourismus, Kultur, Alpinismus, UNESCO Kulturgüter.
Nominiert sind für 2022:
The Red House von Francesco Catarinolo
I ribelli del cibo von Paolo Casalis
Höhenrausch – Die Entwicklung der Höhenmedizin von David Pichler
IN FANES – andata e ritorno von Paolo Vinati
Kurzes über’n Brenner